Am Sonntag, den 16. Mai, war dann der Tag der Wahrheit, der Einsicht und der Ernüchterung: Der Tag des Blind Dates! Bei herrlichstem Wetter besuchte ich vormittags erst meine Mutter im Pflegeheim und fuhr dann zu unserem Treffpunkt. Wir wählten einen besonders romantischen Ort: Eine Tankstelle mitten in Schleiz. Ich war zu bald da, stellte das Auto ab, und lief noch eine kleine Runde, wegen meiner Nervosität.
          Als ich zur Tankstelle zurückkehrte, sah ich dort eine weibliche Person herumstehen. Ich dachte mir: Völlig ausgeschlossen, dass sie es sein sollte! Ich lief an ihr vorbei und traute mich dabei kaum, sie anzuschauen. Mir taten die Augen weh, weil ich sie sehr verdrehte. Ich hatte nur noch wirre Gedanken in meinem Kopf: Egal was passiert, nur weiterlaufen. Sollte ich Schritte hinter mir hören, erst recht weiterlaufen. Sollten die Schritte schneller werden, wegrennen! Jedoch kam das Weichei in mir durch, ich blieb stehen und ging zurück zu ihr, das Unfassbare, sie war es wirklich! Die Begrüßung und das Umarmen fielen mir dann sehr schwer.
          Wir stiegen in mein Auto, fuhren zu einer Gaststätte, um Mittag zu essen. Ich hatte ein Problem: Ich konnte ihr nicht in die Augen schauen. Wenn ich es versuchte, hatte sie mich bereits fest fixiert mit ihren Augen, ich wusste nicht wie lange schon und musste sofort wegschauen. Warum gab es unter dem Tisch keine Klappe mit Treppe nach unten, einen Fluchtweg? Thomas, ein Kumpel von mir, hatte dazu später folgende Geschäftsidee: Eine Gaststätte für Blind Dates mit Klappe und Treppe als Fluchtweg unter dem Tisch, im Keller dann mit der Möglichkeit die Rechnung zu bezahlen, damit sich niemand unnötigerweise strafbar macht! Das Mittagessen schmeckte aber wunderbar.
          Anschließend fuhren wir ein Stück mit meinem Auto, kamen an ihrer Wohnung vorbei und sie wollte die rote Rose, die ich ihr gab, in eine Vase stellen. Ich sollte gleich mit hochkommen, was ich aber ganz höflich ablehnte. Wir fuhren dann nach Tanna, wo sie angeblich noch nie war, obwohl unsere Wohnorte nicht weit auseinander lagen. Ich hatte ihr einmal von meiner Lieblingsbank an den Leitenteichen erzählt, dass ich da öfters alleine sitze, entspanne, nachdenke, ein Bierchen trinke, den Sonnenuntergang und die Ruhe genieße. Sie wollte mit mir zu meiner Bank laufen, was ich aber gerade noch so verhindern konnte. Mir fielen Steine vom Herzen, als wir aus meinem geliebten Tanna herausfuhren!
          Unsere sonntägliche Odyssee ging weiter nach Saalburg an die Bleilochtalsperre, wo wir spazieren gingen und auf einer Bank saßen. Dabei rutschte sie immer näher an mich heran. Ich rutschte in die gleiche Richtung, um den Abstand zu wahren. H… war Nichtraucher und sie störte meine Raucherei. Ich setzte meine Zigarillos bzw. deren Rauch gezielt als Abwehrschirm und Schutzschild gegen sie ein. An unsere Gespräche erinnere ich mich dabei nur noch wenig, jedenfalls bedrängte sie mich auch noch verbal. Wir gingen dann einen leckeren Eisbecher essen.
          Anschließend fuhren wir nach Oschitz und gingen die nächste Runde spazieren. Dort waren Bierzelt und Blasmusik. Wieder kam die Angst in mir hoch, dass uns jemand Bekanntes sehen könnte. Beim Laufen rückte sie auch ständig näher heran, ich lief öfters neben dem Weg oder schon in der Wiese. Jetzt zeigte ich, dass ich ein Mann bin, ich machte das Spielchen immer weiter mit! Ich musste mir aber immer wieder Mut machen: Ich stellte mir vor, dass es doch irgendwie egal war, ob ich mit ihr spazieren ging oder mit Jens, meinem Kumpel, der später noch eine wichtige Rolle spielen wird, eine Radtour machte bei dem schönen Wetter. Ich stellte mir vor, ich war der jüngere Bruder und ging mit meiner viel älteren Schwester einfach so spazieren.
          Es war jetzt bereits gegen Abend. Sie lud mich zum Abendbrot in ihre Wohnung ein. Da ich Hunger und Durst hatte und noch den Abwasch bei mir sparen wollte, nahm ich die Einladung an. Sie zeigte mir ihr Fotoalbum: Familienfeiern mit der buckelichen Verwandtschaft und so. Nach dem Abendbrot war ich erledigt, ich rutschte langsam den Stuhl herunter.
          Sie bot mir an, mich zu massieren, damit ich wieder fit werde. Mir fiel zum Glück noch ein, dass man beim Massieren nackig sein muss. Als sie dann noch sagte, ich könnte sie doch auch noch anschließend massieren, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren und ich wusste, was sie wollte! Wenn sie mich direkt gefragt hätte, ob sie mir einen blasen sollte, hätte ich vielleicht noch mitgemacht, aber zum Ficken mit ihr hatte ich wirklich absolut keine Lust! Ja, sie war irgendwie notgeil, voll die Torschlusspanik, der Oma-Typ, das Gegenteil von hübsch, ihre Figur hatte komische Proportionen, komische Klamotten, komischer Geruch, komische Ansichten, kein Pepp, keine Action, nichts Frisches und Jugendliches und kein Rock’n’Roll. Ansonsten war sie aber bestimmt nicht verkehrt und ein guter Mensch.
          Ich sagte zu ihr, dass ich jetzt auch mal wieder nach Hause müsste. Das Date dauerte mittlerweile schon über acht Stunden. Mit Schweiß auf der Stirn und zittrigen Knien verließ ich ihre Wohnung und fuhr glücklich wieder nach Hause. Ich hatte einen schönen Tag, ich hatte es gezeigt, ich habe das seltsame Date durchgehalten, ich bin ein echter, cooler und harter Mann! Natürlich konnte man das alles auch ganz anders auslegen.

H…: Olaf, es waren heute sehr schöne Stunden mit dir, lass dir Zeit, werde dich nicht drängen! Versprochen !!! Telefonieren & simsen wir trotzdem weiter? Würde mich freuen.

OFT: Hi H…! Ich habs endlich bis ins Bett geschafft. War ein echt schöner Tag! Jetzt versuch ich abzuschalten. Schlaf gut, LG Olaf